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Tartu/Dorpat - junges Leben und alte Kultur

Ein Ort zum Wohlfühlen, Bummeln und Genießen, ein Ort zum Verlieben, ein Ort zum Erinnern!

Tartu ist stolz darauf, sich die älteste Stadt im Baltikum nennen zu dürfen. Schon seit 1030 erscheint die Festung unter verschiedenen Namen in den Chroniken. Fürst Jaroslav der Weise von Kiew gab dem Platz den russischen Namen Jurjew.

Damals herrschten die Esten noch über ihr kleines Land und trieben Handel mit den Wikingern. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eroberte der Deutsche Ritterorden in blutigen Kreuzzügen das Gebiet bis zum Peipus-See. An Stelle der Opferstätten für die heidnischen Götter entstanden katholische Kirchen. Die Ruine des mächtigen Doms von Dorpat zeugt bis heute von der Macht der Kolonialisten.

Zur Zeit der Hanse war Tartu eine blühende mittelalterliche Stadt nach deutschem Vorbild. Die Reformation zeitigte bürgerkriegsähnliche Zustände auch hier. Der Handwerker Melchior Hoffmann führte 1525 den Aufstand gegen den verhassten Klerus an. Mönche und Nonnen wurden vertrieben und die Kirchen geplündert. Die Pfaffen konnten mit Hilfe von Söldnern den Aufstand unterdrücken, doch hatte fortan der Protestantismus viele Anhänger.

Von der mittelalterlichen Stadtmauer Tartus ist leider kaum etwas erhalten geblieben, ganz im Gegensatz zu Tallinn. Um 1550 zählte Tartu schon 6000 Einwohner. Danach ging es infolge russisch - schwedischer Kriege allmählich bergab. Abwechselnd herrschten hier Russen, Schweden, Polen und Dänen. Auf der Höhe seiner Macht gründete Gustav II Adolf 1632 die Universität Dorpat unter dem Namen Academia Gustaviana. Diese war bis 1699 tätig und übte starken zivilisatorischen Einfluss im östlichen Ostseeraum aus.

Tartu unter russischer Herrschaft

Spätestens seit dem Friedensschluss im Nordischen Krieg 1721 gehörte Estland zum Russischen Reich. Aus dieser Zeit stammen die meisten Bauwerke und Häuser in Tartu. Zuerst, unter Peter dem Großen und seinen Nachfolgern, herrschte noch der Barockstil vor, doch im 19. Jahrhundert baute man im klassizistischen Stil.


Das alte Observatorium am Domberg beherbergte im 19. Jhrh. das weltgrößte Fraunhofer-Spektrometer

1802 gründete Zar Alexander I. die Universitas Dorpatensis erneut, ihr erster Rektor war Parrot, dessen Porträt die Engelsbrücke (rechts) über die Straße Lossi (Schloss) am Domhügel ziert. Etwas weiter gibt es noch die Teufelsbrücke, die in ihrer heutigen Form zur 300 - Jahrfeier der Romanow - Dynastie 1913 errichtet wurde. Ob mit "Teufel" der damalige Zar Nikolaus gemeint war? Einer Theorie zufolge leitet sich der Name von einem Rektor Mannteuffel her.

Der lange Kampf für Selbstständigkeit

Von Tartu gingen wichtige Impulse für den Kampf der Esten um ihre Nation und Sprache aus. Die Wissenschaftler Faehlmann und Kreutzwald sammelten nach dem Vorbild der deutschen Romantiker die mündlich überlieferte Volksdichtung. Letzterer brachte 1857-61 auf Estisch und Deutsch das von ihm aus Motiven der Volksmythologie verfasste Heldenepos Kalevipoeg (Kalev-Jüngling) heraus. 1869 fand in Tartu das erste estnische Singfest statt. Die erste Stoßrichtung der estnischen Volksfreunde richtete sich gegen die Vorrechte der Baltendeutschen, denen der größte Teil des fruchtbaren Landes gehörte. Über 100 Jahre später gebrauchten die Esten die sanfte Waffe des Liedes und der Musik gegen das sowjetische Regime. Die moderne Singbühne von Tartu ist eine imposante Freilichtarena.

Im Ersten Weltkrieg verlief die Frontlinie zwischen Deutschland und Russland lange westlich von Estland, in Litauen, doch nach den Revolutionen in Petersburg brach der russiche Kampfgeist zusammen. (Artikel: Bürgerkrieg in Estland 1918) In Tartu nahmen die Sozialisten die Macht, doch schon im Februar 1918 besetzten Deutsche die Stadt. Eine Zeitlang sah es danach aus, dass nach Kriegsende die baltischen Staaten samt Finnland im deutschen Einflussgebiet liegen würden. Besonders die baltischen Juden setzten sich aktiv für die Festigung der deutschen Herrschaft ein, was ihnen von den Deutschen keinen Lohn, dagegen den Hass der lokalen Bevölkerung eintrug. Die Beteiligung der baltischen Bevölkerung an der Judenvernichtung der Nazis zwischen 1941 und 44 ist ein heißes Eisen der Geschichtsschreibung.

Die Bolschewiken konnten nach der deutschen Kapitulation 1918 das Baltikum nicht für sich gewinnen, sondern verloren den Bürgerkrieg. 1920 wurde der Friede von Tartu geschlossen, der den osteuropäischen Nationen knapp 20 Jahre Atempause brachte.


1932 entstand nach Plänen Alvar Aaltos diese Villa Tammekann, nahe der Singbühne auf der anderen Seite des Tähtvere-Parks

Das selbstständige Estland baute in den 20er und 30er Jahren seine Wirtschaft und Kultur zielstrebig und energisch aus. Der Lebensstandard war auf selbem Niveau wie in Skandinavien. 1939 verbündeten sich Hitler und Stalin, die Sowjetunion erhielt freie Hand hinsichtlich der baltischen Staaten und Finnland. Im Gegensatz zu Finnland gaben die Esten, Letten und Litauer dem Druck Stalins nach und ließen die Einrichtung von sowjetischen Militärstützpunkten auf ihrem Territorium zu. Im Sommer 1940 organisierten die örtlichen Kommunisten Kundgebungen und forderten die Angliederung ihrer Länder ans Stalinreich. Die gelähmten Regierungen ließen sich in wenigen Wochen aller Macht berauben. Die russische Geheimpolizei verhaftete alle prominenten Demokraten und verbrachte sie nach Sibirien.

Schon 1941 wendete sich das Blatt erneut. Die Truppen Hitlers zogen unter dem Jubel der örtlichen Bevölkerung auch in Tartu ein, die Russen zerstörten beim Rückzug die Brücke über den Ema-Fluss. Doch die Nazis dachten nicht daran, den Esten irgendwelche Rechte einzuräumen, das Besatzungsregime war hart und brutal. 1944 kämpften sich die Russen Tartu zurück, die Innenstadt war ein Trümmerfeld.

Die Sowjetmacht 1944 - 1991 baute aus den Trümmern Tartu zu einem wichtigen Industrie- und Wissenschaftszentrum wieder auf. U.a. wurden hier Spezialautomobile für den Bedarf der gesamten Sowjetunion geplant und gebaut. Die Einwohnerzahl wuchs auf knapp 100 000.

Tartu heute


Modernes, moderneres und postmodernes auf beiden Ufern der Ema: rechts die Markthalle vom Anfang des 20. Jahrhunderts, links im Sputnik-Stil das frühere Restaurant Kaunas, heute das Renommierlokal Atlantis mit Spielcasino, in der Mitte das Gebäude der Hansa-Bank, das Symbol des Neuen Tartu

Tartu ist die zweitgrößte Stadt Estlands. An der Universität studieren junge Leute aus vielen Ländern und geben dem Stadtbild ihr Gepräge. Das gesellschaftliche Leben konzentriert sich auf das Viertel um das Rathaus und die nahe Uni. Alles ist zu Fuß in ein paar Minuten zu erreichen.

Anreise: Von Tallinn erreichen Sie die Stadt in 2 Autostunden. Das Land ist größtenteil platt wie ein Pfannkuchen. Die auf den Straßenkarten rot markierten Straßen sind generell in gutem bis sehr gutem Zustand, doch wenn die Markierung gelb wird, ändert sich die Sache oft radikal. Dann haben wir es mit Schotterpisten zu tun. Doch mit dem Auto gelangt man ohne Schierigkeiten an jeden Ort, wenn man sich erst einmal an die eigenwillige Fahrweise der Esten gewöhnt hat, die kein Risiko scheuen, wenn es ums Überholen geht. Der Treibstoff kostet nur die Hälfte des EU-Preises, das gleiche gilt für viele Lebensmittel. Die Straßennamen in Estland stehen meist im Genitiv, so heißt z.B. die nach dem Schriftsteller J. Hurt benannte Straße "J. Hurda" und die Riiga-Straße "Riia".

Einkaufen: Die Läden sind bis 20 Uhr geöffnet. So klein kann keine Siedlung in Estland sein, dass in ihr nicht ein oder auch zwei Schilder Kauplus oder Pood auf einen Laden verweisen. Das Sortiment ist stark von deutschen und finnischen Markenartikeln geprägt. In Tartu lohnt es sich, die Markthalle an der Autobrücke über die Ema zu besichtigen. Ein Marktplatz mit Ständen befindet sich auf der anderen Seite der Riia. Dort gibt es neben Esswaren Schuhe, Kleidung und natürlich billige CDs.

Essen & Trinken: Wer einmal bei Wilde einkehrt, tut das nicht zum letzten Mal. Das exzentrische esto-irische Lokal am Beginn des Vallikraavi (Wallgraben) lockt mit den bronzenen Figuren von Oscar Wilde und dem estnischen Schriftsteller Eduard Vilde, dem Autor realistischer Romane und Novellen. Im Parterre ein Buchladen und ein Café mit alten Buchdruck-Maschinen. Im 2. Stock ein Pub und gemütliche Räume für viele Zwecke. Hier oben sind die Kuchenstücke übrigens größer als im Café, bei gleichem Preis. Die Speisekarte ist vielfältig und die Bedienung prompt.


Auf den Straßen am Marktplatz essen und trinken Sie unter Sonnenschirmen. Den imposanten Bierkeller in der alten Festungsmauer, früher ein Pulverkeller, dürfen Sie nicht verfehlen. Bier vom Fass treffen Sie in zwei Erscheinungen, das von der ansässigen Brauerei A.LeCoq oder das von Saku. Beide sind herzlich zu empfehlen. Das Speiseangebot der meisten Restaurants ist leider enttäuschend international, die gleichen Pizzas, Hamburger und Kebabs wie überall sonst. Wer die traditionelle, von Kartoffeln und Sauerkraut mit Würsten beherrschte estländische Küche kennenlernen will, kommt in Tartu derzeit nicht auf seine Kosten. Lobenswert die vielen Fischgerichte, auch Geflügel und verschiedene Salate sind erhältlich.

Verständigung etc: Leider sind die Deutschkenntnisse in Tartu heutzutage noch unterentwickelt, alle versuchen auf Englisch auszuweichen. Auch Finnisch wird hier kaum verstanden, was die Entwicklungschancen des Fremdenverkehrs einschränkt. Schließlich steht und fällt der estländische Tourismus mit den Finnen. Während einer Woche Juni/Juli 2001 stießen wir in Tartu auf keine anderen Touristen aus Finnland, dagegen auf einige Deutsche.


Das beliebteste und meistfotografierte Objekt in Tartu ist wohl der Brunnen vor dem Rathaus mit dem sich küssenden Paar unterm Regenschirm

Sehenswertes: Die alten Stadtviertel rund um das Zentrum mit Rathaus und Domhügel sind noch so, wie vor hundert und hundertfünfzig Jahren. Besonders idyllisch der Stadtteil Karlowa mit seinen vielen sich kreuzenden Linden-Alleen. Hier heißen Straßen u.a. Mond, Stern, Sonne und Glück! Auch Tolstoi hat seine Straße behalten dürfen, dagegen wurden die Lenins, Gagarins und anderen Russengrößen ihrer Ehrung beraubt. Der Stadtteil Supilinn liegt in der Flussebene, hier heißen die Straßen u.a. Erbse, Bohne und Kartoffel.


Das Kunstmuseum ist im Schiefen Haus untergebracht, das der russische Feldherr aus den napoleonischen Kriegen Barclay de Tolly für sich bauen ließ. Sein Standbild steht an der Ülikooli vor dem Hotel Barclay.

Umgebung: Von Tartu erreichen Sie leicht die kleineren Orte im Umkreis. Wir machten einen Ausflug nach Mustvee am Ufer des Peipus-Sees. Leider ist die Gegend touristisches Entwicklungsland. Der Peipus-See ist der fischartenreichste in Europa, doch Fisch wird vornehmlich von fliegenden Händlern am Straßenrand angeboten. Bademöglichkeiten sind begrenzt, ein überlaufenener Badesee liegt in Elva, ein größerer bei Tahivere, beide 20 km von Tartu. Die glorreichen Apfelweine von Põltsamaa lohnen einen Abstecher. Von Tartu Flusshafen fährt ein Tragflügelboot auf der Ema zum Peipus-See und zurück freitags und sonntags.

 

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